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Samstag, 5. Juni 2010
Onlineroman: Caspar - David - Frederic Teil6
"Die hat Möööpse!", Caspar betonte jedes einzelne Ö. In der Tat, verfügte die so klassifizierte Tänzerin im Video tatsächlich über einen beachtlichen Vorbau, doch Frederic war anderer Ansicht. "Das sind bestenfalls Mööpse!", sagte er betimmt. "Und die im Glitzerfummel hinten rechts hat gerademal...", er überlegte kurz. "Mpse!"
"Oh ja!", bestätigte Caspar lachend. "Haha.", sagte Dave. "Ähm."
"MÖÖÖPSE", gröhlten Caspar und Frederic begeistert.Eine unfassbar heiße Naomi Campbell war auf der Mattscheibe erschienen und vollführte eindrucksvolle Bewegungegen im knappen Röckchen. Irgendwo im Hintergrund tanzte wohl auch Michael Jackson durch die Steppe, abgesehen davon war es wohl jetzt schon das schärfste Musikvideo des Jahrzehnts.
"Ja.. schon echt.. toll..", murmelte Dave. Jetzt hatte er Caspars Aufmerksamkeit. "Toll?", fragte er ungläubig.
"Hmm?", antwortete Dave.
"Dave.. Ein Gratisburger bei Mäcces ist toll! Das da ist sensationell."
"Ja.. Ähm.", meinte Dave. Dann kam ihm eine Idee.
"Sag mal, hast du noch mehr Bilder die zur Galerie müssen? Ich würde das dann lieber in die Mittagspause schieben.", David klopfte auf seinen Planer, der wohl das bizzarste Requisit der Szene darstellte. Caspar dachte kurz nach, was ihm sichtlich schwer fiel. "Eigentlich war`s das erstmal. aber danke für das Angebot."
"Ah ok.", Dave versuchte entspannt zu klingen. Er sah auf die Uhr. "So Jungs... Ich muss dann gleich auch mal pennen. Muss ja vorher noch den Krams hier aufräumen. Frederic manövrierte sich aus dem Ledersessel, ein Hantuch bappte an seinem Rücken. "Jo.. Dann bis morgen Alter!" , sagte er und kletterte die Treppe hoch. "Schlaf gut."
Caspar stand ebenfalls bereits an der Tür. "Gute Nacht.", Caspar war die Treppe schon halb rauf, da fiel ihm noch was ein. "Ach so Dave.."
"Hmm?"
"Ich hab Mae zum Grillen am Samstag bei uns eingeladen. Sie ißt kein Schwein und auch sonst kaum Fleisch, außer Geflügel. Kannst du das beim Einkaufen bedenken?"
"Klar! Mach ich!", röchelte Dave.
"Cool, cool.", gähnte Caspar. "Dann schlaf mal gut.. bis morgen."
"Gu`nNach", brachte Dave hervor und taumelte zurück zum Tisch, wo ein Routineprogramm seiner Motorik die Aufräumarbeiten übernahm.
Freitag, 4. Juni 2010
Onlineroman: Caspar - David - Frederic Teil5
"Plätzchen mein Junge. Irgendwas roch hier vorhin herrlich nach Vanille-Plätzchen.", sie betrachtete seinen schmalen Brustkorb und schauderte. "Davon könntest du auch noch einige gebrauchen!", sagte sie bestimmt. Frederic lachte. "Ich werd`s erstmal mit Flüssigbrot probieren."
Sie zögerte kurz. "Du kennst den kleinen Prinz? Von Antoinne de St. Exupery?" Sie kramte in der Kommodenschublade nach einem Kugelschreiber und malte dann etwas auf ein Stück Zeitung. "Was ist das?", fragte sie.
"Ein Hut... und zwar ein alter!", grinste Frederic. "Das ist eine Schlange, die einen Elefanten gefressen hat!"
"Nein!", antwortete Oma Cohen trocken und drehte die Zeichnung senkrecht. "Das bist du, wenn du so weitertrinkst!"
Frederic betrachtete den Strich in der Lanschaft mit der eindrucksvollen Beule und lachte.
"Sie haben volkommen Recht Mrs Cohen. Und gleich morgen hör ich damit auf!"
Oma Cohen gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf, wofür sie sich strecken mußte und verschwand wieder hinter dem schmalen Vorhang. Frederic van der Molen tapste grinsend seinem Bier entgegen.
"ARGHHH!", intonierte Caspar erschrocken. "ARGH!", gab Dave mit weit aufgerissenen Augen zurück. "Bin ich gerade über...?"
"Ja Mann!!", Caspar zog die Krallen aus dem Sitzbezug, "Dunkelrot Mann!!"
"Hoppla!", meinte Dave.
"Hoppla?!?", Caspars Bild von Dave drohte zu zerbröseln. Zumindest der Teil, der Dave als nahezu krankhaft verantwortungsbewußten Autofahrer zeigte.
"Ich war wohl etwas in Gedanken..", entschuldigte sich David.
"Hmm!", brummte Caspar. "Passiert!"
Den Rest der Fahrt schwiegen die beiden. Caspar dachte an die vor ihm liegende unsinnige Schaffensperiode, an ebenso sinnfreie Schleppaktionen und an einen großen Grillteller vom Türken gegenüber. Dave dachte an Mae.
Oma Cohen hatte das Päckchen vorsichtig geöffnet und das Stopfmaterial entfernt. Sie hielt nun eine wirklich hübsche Taschenuhr in Händen. Ein verschnörkelter Schriftzug nannte die Firma J. Mayfield als Hersteller und anhand der Gravuren und des Glases erkannte Oma Cohen, dass die Uhr wohl um die Jahrhundertwende gefertigt wurde. Mayfield, Oma Cohen erinnerte sich wage, dass diese Firma in Irland saß. Das Päckchen kam aus Frankreich und der Absender war ein Jaques Poirrier. "Ach so?", staunte Oma Cohen. Sie zog behutsam das Uhrwerk auf und lauschte dem gleichmäßigen angenehmen Ticken. SO eine Uhr hatte sie lange nicht mehr bekommen. Sie klappte den Deckel auf und schaute auf ein kleines Portrait. "Ach so!", bestätigte Oma Cohen ihren Verdacht und lächelte. Es war wirklich schon eine Weile her, seit sie eine solche Uhr in den Händen gehalten hatte. Beinahe fünf Jahre, wenn sie sich richtig erinnerte.
Donnerstag, 3. Juni 2010
Onlineroman: Caspar - David - Frederic Teil4
Caspars Bemühungen das Tor zu öffnen schienen nun zum Erfolg zu führen. Dave rollte den Wagen vorsichtig in die Halle. Sie luden die bunten Leinwände auf eine Holzpalette um und während Caspar dieselbe ungeschickt mittels eines Hubwagens in einen Nebenraum verfrachtete schaute sich David die Galerie an. Es WAR besser als draußen, soviel war sicher. Allerdings war es auch nicht wirklich das, was er erwartet hatte. Bisher kannte er Kunstgalerien nur aus dem Fernsehen. Dort waren sie sterile, streng geometrische Orte mit weißen Wänden, kühlem Licht und glattpolierten Fußböden. Das hier war anders. Gut, die Wände waren defakto weiß, allerdings bestanden sie aus unregelmäßig zusammengezimmerten Holzlamellen und waren oft nur mit viel gutem Willen als senkrecht zu bezeichnen. Metalltrittbretter mit hüfthohen Geländern bildeten einen Pfad durch das Gebäude, der über Treppen und kleine Brücken führte. Sand knirschte unter den Füßen und die Bleche wippten beim darüberlaufen leicht nach. Gute zehn Meter über der Halle trohnte das Wellblechdach mit großen Oberlichtern auf einem angerostetem Metallgestell. Zur Zeit waren nur wenige Werke ausgestellt. Eine Gruppe dunkelgrüner Frauengestalten aus Kunstharz schrie mit weit aufgerissenen Augen die Hallendecke an. Zum Glück hatte jemand den Ton abgeschaltet. In Davids Augen waren sie außergewöhlich hässliche Schaufensterpuppen und er hatte den Verdacht, dass sie das wußten. "Hast du die gemacht?", rief David über die Schulter. Caspar kam mit einer seiner Holzskulpturen angeschleppt. "Ich bitte dich!", keuchte er gekränkt. "Hast du eine Ahnung, wie teuer Kunstharz ist?! Das da vor dir ist der Hexenzirkel von Gustav Brömmel.". "Gesundheit!", wünschte Dave trocken. "Und was soll das sein?"
"Prometheus! Mae hat ihn heute nachmittag schon mitgenommen." David blickte ausdruckslos auf das Ding vor ihm. "Prometheus... Du weißt schon..griechische Mythologie... Hat den Göttern das Feuer gestohlen."
"Ach was!", antwortete Dave. "Da hat er ja nochmal Schwein gehabt!"
Caspars stutzte. "Naja, immerhin ist er aus Holz, oder?" , gab Dave zu bedenken.
"Ähm ja...TUSCH! Hör mal, ich muss nochmal rüber zum Baumarkt. Der verdammte Adler will einfach nicht halten."
David schaute auf seine Uhr. "Dann beeil dich mal, der macht in zehn Minuten zu. Hier...", er warf Caspar die Autoschlüssel zu.
"Jepp! Danke! Du willst hier warten?"
"Ich hab da gerade was entdeckt...", David nickte in die entsprechende Richtung. "Darf ich?"
Caspar grinste, "Klar, mach nur! Dafür steht er ja da! Viel Spaß!"
Davids Puls stieg als er auf den alten Flügel zuging. Ein Feurich, bestimmt fünfzig Jahre oder älter. Das war mal was! Schweres, echtes altes Holz. Kein Vergleich zu den butterweichen Plastiktasten seines geliebten Roland-Keyboards. Er setzte sich andächtig auf die Konzertbank und klappte den Deckel hoch. Er drückte probehalber eine Taste durch und ließ die Saite schwingen. Lupenrein, warm und tragend klang der Ton durch den Raum. David spürte die Schwingungen in seiner Fingerspitze und bekam eine Gänsehaut. Er spielte einen Emoll-Akkord, ließ C-Dur und D-Dur folgen. Die simpelsten Tricks klangen auf diesem Instrument einfach überirdisch! Dann atmete er langsam aus, schloss die Augen und spielte. Die vierte, die fünfte, vermindert... und...
"I heard there was a secret chord, that David played and it pleased the Lord...", die Stimme hatte sich einfach dazugesellt. Klar wie ein Bach im tiefsten Winter.
"...But you don`t really care for music, do you?", sagte ein viel coolerer Dave durch seinen Mund. Er hatte sich auf der Bank umgedreht und blickte nun in leuchtend grüne Augen. "Weiterspielen! Weiterspielen!", flehte Mae und trommelte sanft auf seiner Schulter.
David spielte seinen geheimen Akkord, der gar nicht so geheim war und Mae sang. Das kalte und gebrochene Hallelujah hallte verzweifelt durch die Galerie und eine Strophe später saß Mae neben ihm auf der Konzertbank. David spürte ihre Wärme neben sich und atmete ihren Duft. Ihm brach der Schweiß aus! Weitere drei Strophen und ein Zwischenspiel später war Mae wieder aufgestanden und lehnte nun mit verträumten Blick am Flügel. "Wow!", brachte sie hervor. "Wow...", gab David zurück und klammerte sich an die Bank, in der Hoffnung, dass diese ihn halten würde, wenn er kollabierte.
"Du bist der Dave, richtig?", fragte Mae um ihm Starthilfe zu geben.
"Ähm ja.. eigentlich David, aber Dave ist in Ordnung...", faselte David und spürte wie seine Ohren rot anliefen. Bei Ohren solchen Formats war es unmöglich das zu verstecken.
"Ich bin Mae, eigentlich Maren.", sie streckte ihm gespielt förmlich die schmale Hand entgegen. Daves Hände schwitzten und er zögerte. Er überwand sich gerade noch rechtzeitig und girff ihre Hand. Sie blieb völlig gelassen. "Du spielst wahnsinnig gut!", sagte sie jetzt. "Das liegt nur am Flügel.. Der ist perfekt gestimmt... Sie singen wirklich schön.", Daves Hirn arbeitetete mangels denkfähiger Alternativen mit dem Satzbaukasten. "Wir waren schon beim Du." erinnerte ihn Mae sanft. "Ich hatte mir dich ganz anders vorgestellt. Caspar erzählt ja nicht wirklich viel." Das war David neu. Caspar war in der Lage einem nicht nur eine Frikadelle ans Ohr zu labern, die seiner Ohren würdig war, es gab oft genug auch noch Beilagen und Salat. Diesen bezaubernden Salat hatte er unterschlagen. "Häbrrmm.. Blb.. ähm", antwortete Dave wörtlich, sein Sprachzentrum hatte Maes Dekoltée entdeckt. "Hmmm?", gurrte Mae amüsiert. "Hier oben bin ich.. auch!"
"Verzeihung", brachte Dave heraus und riss sich zusammen. "Das gerade war...", Mae nickte begeistert. "Ja! Das sollten wir mal wiederholen."
"Ja!", sagte David. Wer auch immer in seinem Bewußtsein bis vor kurzem das Kommando gehabt hatte, er hatte die Brücke verlassen. "Unbedingt!"
Mae hatte sich noch zweimal zu ihm umgedreht und gelacht, bevor sie sich ihren Arbeiten widmete. Dave war am Flügel sitzen geblieben und schon bald war ihm aufgegangen, dass es wohl schlauer wäre nun auch weiterzuspielen. Er improvisierte ein Medley von Genesis-Songs und versuchte gar nicht erst selbst zu singen. Beim letzten Versuch hatte er von allen Hausbewohnern, inklusive Oma Cohen, Prügel bezogen. Gelegentlich durchquerte Mae den Raum, trug bunte Objekte an ihren Bestimmungsort und sang passagenweise, wenn ihr ein Song gefiel. Bei Genesis war sie nicht annährend so textsicher wie bei John Cale, aber das störte Dave wenig. Caspar erschien am Tor, horchte kurz und sang dann lauthals "...You`re no son, you`re no son of mine!", immerhin.. er traf die Töne. Er hockte sich zu seinem Totem und kramte diverse Bastelutensilien aus seiner Plastiktüte. Mae hatte sich in die Mitte des Hexenzirkels gestellt und den Kopf in den Nacken gelegt. Jetzt riss sie die Augen weit auf und kreischte sehr hexenmäßig. Caspar zuckte erschrocken zusammen, Dave versemmelte seinen Akkord und Mae lachte herzlich. "Die Damen würden nun auch gerne die Halle verlassen. Vielleicht könntet ihr ihnen etwas Geleit geben?" Dave kam rüber, griff einer der Scheußlichkeiten um die Hüfte und trug sie Mae hinterher. Caspar stemmte seine Dame über den Kopf. "Schaut mal.", rief er den beiden zu, "Dirty Dancing!". "Wohl eher: Ugly Dancing.", lachte Mae. Erstaunlicherweise gab es für den Hexenzirkel bereits zahlreiche Interessenten. Die Werke die Mae in ihrer Galerie ausstellte entsprachen längst nicht allesamt ihrem persönlichem Geschmack, aber sie hatte bisher immer ein gutes Gespür für Trends und Puplikumswirksamkeit bewiesen. Gustav Brömmel wurde von Kritikern und Sammlern gleichermassen gefeiert, was wohl zu großen Teilen auch an seinem ausgeklügelten Pathos lag. Er gab in der Öffentlichkeit den überlegenen Intelektuellen und spielte seine Hybris mit unfassbarer Überzeugungskraft. Und er war ein Arschloch. Solange Mae sich diese Tatsache immer vor Augen hielt konnte sie gut mit ihm arbeiten. Caspar war noch ungeübt im Umgang mit Kritikern, oder Journalisten. Am besten verkörperte er die Rolle des geheimnisvollen Schweigers, während Mae das Reden für ihn übernahm. Auf ihren Rat hin, hatte er bei Vernisagen gelentlich Scheiben eingeschlagen oder die eine oder andere Skulptur umgeworfen. Mae verbuchte solche Aktionen unter Werbungskosten und erzielte immer ihre Wirkung.
Oft kam Caspar sich grenzenlos lächerlich vor.
Mittwoch, 2. Juni 2010
Onlineroman: Caspar - David - Frederic Teil3
Dave nahm am Schreibtisch Platz und sortierte die Briefe und Prospekte, zunächst nach Empfänger im Haus, dann nach Dringlichkeit. Bisher hatte niemand es ausdrücklich erwähnt, aber Dave war sicher, dass die anderen ihm dafür dankbar waren.
David Alexander Cohen war stolz auf seine Vornamen, hielt damit aber hinterm Berg. Für seine Freunde war er schlicht "Der Dave". Wenn sie doch wenigstens den Artikel weglassen würden! Aber, wenn er irgendwo erschien hieß es immer: "Das ist DER Dave!"
Der biblische David hatte seinerzeit diesen Türsteher von einem Phillister, Goliath, mit einer Steinschleuder ins Jehnseits befördert und sich anschließend zum König eines Hirtenvolks aufgeschwungen. Er war Kriegsherr, Lyriker, Liebhaber und noch Jahrhunderte nach seinem Tod galt er als strahlendes Vorbilld. Wann immer die Leute beim Pokern einen Pik-König auf der Hand hatten, hielten sie sein Abbild in Händen. Auch Alexander der Große hatte seine Entsprechung im Kartenspiel, als Kreuzkönig. Bereits mit zwanzig war er König und ein paar Jahre später war sein Reich bis nach Indien gewachsen. David Alexander Cohen war mit 23 zum ersten Mal im Phantasialand gewesen und wäre dort beinahe mit der Achterbahn gefahren, wenn es nicht geregnet hätte.
Es klapperte und Caspar stand im Türrahmen. "Hey Dave... Hast du Zeit?" David stand auf und reichte ihm seinen Poststapel, "Was gibt`s denn?" Caspar stopfte einige Umschläge in die Gesäßtasche seiner Jeans, stellte fest, dass diese wohl kaum aureichen würde und verteilte den Rest auf die seitlichen Taschen. "Ich müßte nochmal zur Galerie, ein paar Bilder vorbeibringen. Wär geil, wenn du mich fahren könntest."
Dave griff bereits zum Autoschlüssel. Er hatte Zeit. Und die Galerie hatte er noch nicht gesehen. Warum also nicht? "Na dann, fahren wir mal los, was?", sagte er trocken.
"Du bist echt der Coolste, Dave!" Der Hauch eines Grinsens wehte über Davids Mimik. "Ich bin so meilenweit davon entfernt cool zu sein, dass ich auf der anderen Seite schon wieder ankomme!", dachte er. Sie beluden den alten Fiat Panda bis zur Dachkante und fuhren los. Caspar kramte im Handschuhfach, Dave schmunzelte, "Ok.. sag an!"
"An der Ampel rechts, denk ich.", antwortete Caspar.
"Und?", fragte Dave.
"Nina Simone?", Caspar klopfte rhytmisch mit der versiften Kasettte auf das Armaturenbrett.
"Geil! Schmeiss rein!"
Echte Frauen traf man nicht in der Disko. An solchen Orten traf man nur auf Glühwürmchen: Hübsch anzuschauen im Dunkeln, aber bei Tageslicht betrachtet - da verstand man plötzlich, warum die Biester Glühwürmchen und nicht etwa Glüh-Schmetterling hießen. Klar, es gab immer auch einige Nachtfalter. Aber Frederic wollte nicht länger die Lampe sein, um die solche Frauen kreisten, um sich die Flügel zu verbrennen. Es war unfair und unwürdig. Es war eine Erniedrigung für beide Seiten. Und es war langsam langweilig. Bienen flogen bei Tag, waren fleißig und produzierten leckeren Honig. Man fand sie in Bibliotheken und Hörsälen. Sie waren liebenswert, hübsch anzuschauen und man konnte mit ihnen die difizilsten Konversationen führen, wenn man das wollte. Und dann gab es noch die Schmetterlinge. Betäubend schöne Wesen mit verklärtem Blick und duftendem Haar. Um einen Schmetterling zu fangen mußte man sich schonmal eine komplette Balletaufführung ansehen. Man schaute seinem Schmetterling bein Tanzen zu und wenn man sich seine Melodie gemerkt hatte und sie abends bei einem Glas Wein nachpfeiffen konnte, brachte einem der Schmetterling vielleicht das Fliegen bei.
"Hey... ich hab zwei davon!", meldete sich eine belustigte Stimme unter ihm. Ihm ging auf, dass er, während er seine Insektentheorie vervollkommnete, an einer herrlichen Brustwarze nuckelte. "In der Tat!", gab Frederic überrascht zurück. "Und die ist mindestens genauso sehenswert! Hmm.. schwer zu entscheiden. Die sind beide toll!". Sie kicherte. Fredric trat die Reise zum Südpol an, machte kurz kehrt und schob ihr mit seiner Nase eine blonde Haartsträhne hinters Ohr. "Schneckchen..."
"Step by Step, heart to heart, bit by bit... we all fall down.. like Toy Soldiers**", klang es aus den hochwertigen Boxen in angenehmer Kuschelrocklauttstärke (natürlich von CD!) und nur Frederic konnte ahnen wie wahr diese Lyrics waren.
Dienstag, 1. Juni 2010
Onlineroman: Caspar - David - Frederic Teil2
Zu den natürlichen Rescourcen der Umgebung zählten vor allem Löwenzahn, Zigarettenstummel und Hundekot. Und auch wenn niemand deren Anbau gezielt kultiivierte gediehen sie prächtig auf den Gehwegen und in der erbärmlichen Parkanlage. Zwei von drei Laternen spendeten des Nachts spärliches Licht und beließen den Rest in gnädiger Dunkelheit. Der Rest, das war bei Tage betrachtet eine ehemalige Zechenwohnstadt mit verklinkerten Ziegelbauten, Kneipen und kleinen Buden, die in die sonderbarsten Anbauten gezwängt waren. Im Zuge halbherziger Versuche einer Stadtteilsanierung waren einige der baufälligeren Gebäude abgerissen worden, um dort Platz für die Träume von Kaufhäusern und dergleichen zu schaffen. Nachdem die ersten ausländischen Investoren, nach der Ortsbesichtigung, Tränen lachend abgezogen waren und sich auch hierzulande niemand wirklich erbarmen konnte, klaffte nun eine Lücke inmitten der Hauptstrasse. Abgesehen von der Hausnummer 43, die jetzt über einen wirklich breiten Vorgarten verfügte. Dieser beherbergte neben einem ausgebrannten Zigarettenautomaten noch die etwa gartenhausgroße Installation "Jupiter", die, laut fachkundiger Meinung, einen reinen Schrottwert von etwa 500DM hatte, allerdings Arbeits- und Transportkosten in Höhe von etwa 700DM verursacht hätte. Sie war Caspars erste Großskulptur und er hatte eigens einen Schweißerlehrgang für sie absolviert. Nun stand sie als rostendes Mahnmal des Größenwahns vor Oma Cohens Geranienbeeten und spendete deutlich zu viel Schatten in ihrer Küche. Im Sommer spielten gelegentlich Kinder auf ihr und im Spätherbst nisteten sich Igelfamilien in den Laubhaufen im Inneren der Skulptur ein. Im orangen Schein des Hochofen-Abstichs wirkte "Jupiter" fast wie ein Kunstwerk. Für Passanten bettete es sich allerdings ebenso nahtlos in die Umgebung ein wie die Sperrmüllhaufen, oder die Leichen der etwas gebrauchteren Gebrauchtwagen an der Strassenecke. Der Altbau selbst verfügte über drei Etagen und ein finsteres Kellergewölbe, das nach und nach seine Geheimnisse preisgab. Viele davon hatten mit Einmachgläsern und Schimmel zu tun, doch dabei sollte es nicht bleiben.
Oma Cohen bewohnte den größten Teil des Erdgeschosses und sie hatte es sich dort unten recht gemütlich gemacht. Die Möbel waren ein Sammelsorium verschiedenster Stile und Epochen, standen eng an- und übereinander. Hohe Bücherregale waren überall dort aufgestellt, wo normales Geradeausgehen einfach viel zu langweilig gewesen wäre. Dutzende kleine Lampen und Strahler erhellten die Ecken und Bereiche, die Oma Cohen für besonders interessant hielt. Land- und Postkarten an den Regalwänden und auf den Schranktüren rundenten das Gesamtbild ab. Omas erklärtes Ziel war es, keinen Besucher aus der Tür gehen zu lassen, ohne dass dieser wenigstens eine Kleinigkeit gelernt hätte. Und dann gab es noch das Uhrenzimmer, Omas persönlichen kleinen Tempel. Alexander Graham Cohen, ihr lang verstorbener Ehemann war gelehrnter Uhrmacher und Sammler gewesen.
Caspar erklomm die steile Treppe in den ersten Stock, in dem Dave seine Wohnung eingerichtet hatte. Mae folgte ihm mit stark unterdrückter Neugier. Bereits das Treppenhaus war sehenswert. Fotos und Postkarten waren liebevoll eingerahmt und zu einer Galerie arangiert worden. Die Zwischenräume waren ausgefüllt mit Zeitungsartikeln und kleinen Ölbildern. Auch einige quietschbunte Miniaturen von Caspar waren darunter. Schnorrer, der Hauskater, streifte an ihnen vorbei, futterwärts. Mae fing ihn mit einem entzücktem Blick ab, hob ihn hoch und gurrte nun unverständliche Dinge etwa eine Oktave über ihrer üblichen Sprechstimme. Der graublaue Persermischling war für Krauleinheiten immer zu haben und schnurrte tief und zufrieden.
"Ich geh dann schonmal vor, ja?" witzelte Caspar und schob die häßliche Lamellentür auf, die in Daves Wohnzimmer führte. "Hier wohnt der Dave..", teilte er dem Treppenhaus mit. Mae setzte den Kater vorsichtig ab und blickte durch den Türspalt. Sie erspähte dunkles Holz, einen hellen gepflegten Teppich und einen überdimensionalen Fernseher. In einer Vitrine an der Wand parkte das Modell eines Aston Martin DB5 und, ja ein Regal weiter befand sich die VHS-Sammlung mit den James Bond-Filmen. "Nach Connery die Sintflut!", dachte Mae und setzte ihren Weg Richtung Gipfelkreuz fort. "Und hier wohnt Frederic..", Caspar schob den Vorhang beiseite. "Na das ist mal ein Kontrast!", dachte Mae und betrachte das Apartement. Frederic schien bemüht gewesen zu sein, die Darstellung aus dem Möbelkatalog möglichst genau nachzuempfinden. Sogar die Ascessoirs in den modernen Regalen wirkten seltsam unpersönlich, bestenfalls schick. Dann fiel ihr Blick auf das Saxophon, das lässig in seinem Ständer ruhte. Mae erkannte Methode hinter dieser Einrichtung und lächelte. Alles im Raum war modern, aber beliebig, bis auf das Instrument. Es sollte dem geneigten Besucher, vermutlich eher der Besucherin, in etwa mitteilen: "Ach übrigens.. Musiker!". Vermutlich gab es auf dieser Etage irgendwo ein elegantes Doppelbett und eine stylische Musikanlage, vermutlich sogar mit einem CD-Spieler.
"Nett", sagte sie und kletterte weiter. Caspar bewohnte den Dachboden, dem der Begriff "groß" nicht wirklich gerecht wurde. Es war eher ein Haus im Haus, wenn auch gewisse Anhaltspunkte dafür sprachen, dass man sich hier tatsächlich unterm Dach befand, die Hitze zum Beispiel. Irgendwo im Gebälk gurrten Tauben und in einer versteckten Ecke rumpelte Omas alte Waschmaschine dumpf vor sich. Von der Treppe aus erreichte man eine hölzerne Plattform, die in etwa anderthalb Meter über dem eigentlichen Dachboden lag. Eine schmale Stiege führte von dort aus zu einem Zwischenboden, Caspars Schlafbehausung. eine schmale Küchennische gab es dort oben ebenfalls und, wie sich heraustellte sogar eine Duschecke mit Waschbecken. Von der Plattform aus überblickte man das Atellier, das einer Mischung aus Abstellkammer und Abenteuerspielplatz glich. Natürlich gab es hier Leinwände, Farben und diverses Werkzeug, etwas anderes jedoch nahm deutlich mehr Raum ein. "Wow!", Mae schnappte nach Luft und lachte kurz auf. "Der ganze Platz hier... Das ist alles deins? Hier könnten zehn Künstler arbeiten! ...Was zum Geier ist denn das??" Caspar stieg vor ihr die kleine Treppe hinuter zum Wald. "Ähm.. es gehört ja nicht mir.. ich habe es nur... gemietet"
"Wieviel bezahlst du der alten Dame?", Mae war ihm mit offenem Mund gefolgt und stand nun zwischen zwei mannshohen, bunten Gebilden. "Was ist DAS?!?", fragte sie noch einmal. "Der Wald der Träume...", murmelte Caspar und improvisierte einen Huster. "Und ich bezahle 200DM im Monat.", er hoffte inständig, dass sie sich damit abfinden würde, aber er kannte sie besser. "200DM?? Im Monat? Das ist doch ein Witz! So viel bezahle ich schon an Nebenkosten für... Wald der was?"
"Der Träume.", Caspar gab`s auf. Mae hatte noch nicht annährend alle Objekte erfaßt, aber es mußten in etwa zwei dutzend sein. Sie bestanden im Großem und Ganzem aus gestapelten buntbemalten Möbelstücken, Stühlen zum Beispiel. Hier und dort ragten andere Gegenstände aus den Gebilden hervor, wie Äste. Nudelhölzer, kaputte Schirme, Golf- Hockey- und Tennisschläger, waren allesamt mehr mit Verzweiflung als mit handwerklichem Geschick an die hölzernen Grundelemente genagelt, oder auch mit Draht daran festgewickelt. Einzeln betrachtet wirkten die Objekte vielleicht stümperisch und ungeplant. Wanderte man jedoch durch sie hindurch und ließ den Blick ein wenig verschwimmen... "Das ist schweinegeil!", rief Mae begeistert. Sie griff Caspar bei den Schultern und begann aufgeregt vor ihm auf und abzuhüpfen. Caspar kannte Mae seit einer Ewigkeit und so hatte sie sich noch nie verhalten. Es war schlichtweg unangemessen! Er sah sich um, was sie wohl in derartige Aufregung versetzt haben könnte. Außer dem Schrott gab`s hier doch nichts. Mae hatte ihre Fassung wiedergewonnen und blickte hinauf zur schmalen Einganggstür. " Nur wie bekommen wir die Dinger hier raus?", sagte sie laut. "Was jetzt?", Caspar begriff. "Den Wald etwa? Das sind doch nur ein paar Ideen, an denen ich mich austobe, wenn mir sonst wirklich gar nichts einfällt! Ich sammel den Krams auf dem Sperrmüll und mal ihn bunt an! Und.."
"Der Wald wird uns eine ganze Weile über Wasser halten!", prophezeihte Mae, "Glaub mir!"
"Du bist der Boss Mae." , murmelte Caspar. Glück klang anders.
"Ich fahr jetzt zur Galerie und telefonier ein wenig rum, wir brauchen mehr Platz."
Ihr Blick fiel auf einen Stapel brutal zugerichteter Leinwände. "Was ist denn damit?", fragte sie. "Bloss Schrott. Ich habe ein wenig experimentiert.", antworte Caspar gequält.
"Mitnehmen!", befahl sie. "Nein warte! Ich fahre jezt vor und du kommst später mit dem Krempel hier nach." Sie schaute zum Dach. "Wir werden wohl einen Kran brauchen...Und es könnte wohl ein paar Tage dauern das Dach... Und zur Bank...Morgen...", Mae brachte Ordnung in Dinge, die nicht für Ordnung konzipiert waren. Sie war wirklich gut darin, nicht etwa, weil sie selbst zur Pedanterie neigte. Wie bei einem scheinbar übermächtigen Waldbrand legte sie ein Gegenfeuer, ein Gegenchaos, das alle kleineren Katastrophen und Probleme in die Knie zwang. Ließ sich ein Kunde mit der Bezahlung eines Kunstwerks deutlich zu viel Zeit, belieferte sie ihn so lange mit scheußlichen Skulpturen, bis seine Mitarbeiter/seine Frau/seine Kunden um Gnade bettelten. Mae war nie da, wo man sie suchte und einen festen Termin mit ihr zu vereinbaren glich dem Versuch ein Eichhörnchen für Algebra zu begeistern.* Sie verschmähte Handtaschen und hochhackige Schuhe, liebte Notizzettel und Weingummi und kombinierte diese Dinge oft zu klebrigen Gebilden in ihrer Jackentasche. "Und sie hat den schönsten Arsch der Welt...", dachte Caspar und genoss den Ausblick, als Mae die Plattform erklomm, die zum Treppenhaus führte. Dann war er wieder allein in seiner gewaltigen Höhle. "Willkommen ihr Tropfsteine und Fledermäuse!", dachte er mißmutig. "UgaUga! An die Arbeit! Schaffen wir... Kunst!"
Montag, 31. Mai 2010
Onlineroman: Caspar - David - Frederic
Caspar - David - Frederic
Nur zur Orientierung...
Vermutlich fühlt man sich als unbescholtener Leser tatsächlich etwas wohler, wenn man zu Beginn einer Geschichte über das Wann und das Wo der Handlung aufgeklärt wird. Und da mir das Wohl meiner Leserschaft natürlich am Herzen liegt will ich mich auch nur soweit als nötig um diese Fragen herumwinden. Im Grunde könnte Vieles von dem was nun folgt beinahe überall und zu allen Zeiten stattfinden... es ist Alltagsscheiße von erlesenster Langeweile, wie sich im Kern durch alle von Menschen bewohnten Regionen zieht. -Schatz! Würdest du bitte endlich diesen Zäbelzahntiger vor unserer Höhle erschlagen?! Er frißt uns jetzt schon wieder die Kinder weg!-
Langweilig, durch und durch! Und auch der pseudointelektuelle Anspruch, den der Autor an sich selbst und den Leser stellt wird nicht darüber hinwegtäuschen können.
Man stelle sich also eine Zeit vor ohne Blogs, ja ohne Internet, ohne Handys und Navigationssysteme, ohne mp3s....
Wir begegnen unseren Helden (Denn als nichts anderes mag ich sie bezeichnen) also am Beginn der 90er-Jahre, in etwa zur Geburtsstunde der Religion der Geldgeilheit, allerdings weit entfernt von deren Geburtsort. Wir befinden uns im Ruhrgebiet, viellicht in Duisburg, aber das ist, wie gesagt, ziemlich egal. Folgen wir einfach der reizenden jungen Dame durch den Vorgarten und suchen nun gemeinsam nach dem Klingelschild. Es gibt vier davon.
Ding Dong!
"Vielleicht ist es ja bald so weit! Auch wenn es zugegebenermassen sehr unwahrscheinlich ist." Oma Cohen begann ein Gespräch immer an der Stelle, an der sie in ihren Gedanken unterbrochen worden war. "Die leere Leinwand steht seit einiger Zeit frisch aufgezogen im Atellier. Aber ich sehe, sie sind gerade erst angekommen? Ich könnte jetzt sowas sagen wie: Entschuldigen Sie die Unordnung. Aber ich schätze, die hat bereits die Bezeichnung "unentschuldbar" verdient. Einen Kaffee? Tee vielleicht? Vieleicht ein Mineralwasser? Es wäre auch ein Kuchen im Ofen. Sie sind Mae, richtig?"
Die junge Frau lächelte, was in der alten Dame eine warme Welle von Erinnerungen auslöste. Es war, wie in einen Spiegel zu blicken. Ein Spiegel, der die Vergangenheit zeigte. Auch wenn sie als junge Frau nie über solche unverschämten rotblonden Locken verfügt hatte. Unverschämt, aber entzückend. Amüsiert stellte sie fest, dass sie tatsächlich neidisch war. "Ja.", sagte Mae. "Caspar meinte, er hätte einige neue Stücke für mich? Kein Zucker, bitte. Auch keine Milch.", Oma Cohen hatte mit dem Kaffee ins Schwarze getroffen. Während sie ein wenig die Worte schwarz, Kaffee und und getroffen durch ihre Gedankengänge hatte rollen lassen, war Mae zur Wand getreten und betrachtete die Uhrensammlung. Sie umfasste den gesamten Raum, füllte Wände und Kommoden und schien keinem festen Prinzip zu folgen. Kuckucksuhren gab es reichlich, aber auch in Chrom gefaßte Monstrositäten, Plastikwecker, Standuhren und Radiowecker mit digitaler Anzeige. "Ach ja,! Im Flur liegt ein Stapel dieser Dinger rum.", Oma Cohen trat mit einem kleinen Tablett aus der Küche, Mae hatte bereits auf dem Sofa Platz genommen.
"Was meinten Sie gerade mit, 'Es ist soweit'? Vielen Dank." Die alte Dame machte es sich im Lehnsessel bequem. "Ich meinte, vielleicht malt er heute sein erstes 'richtiges' Bild." Mae zog eine Augenbraue hoch und lächelte schief. "Richtig?", meinte sie.
"Oh, ich fand vieles von dem was er dort oben zusammenbastelt ganz ausgezeichnet, sehr modern. Aber er selbst scheint damit ganz und gar nicht glücklich zu sein. Oft wirft er die fertigen... Werke.. einfach auf einen Haufen. "
"Das erklärt die Dellen", dachte Mae, "Und mir versucht er das immer als Gesamtkonzept zu verkaufen". Sie verkniff sich einen Kommentar und sagte stattdessen: "Es verkauft sich gut... Und die Leute vermuten immer eine tiefere Botschaft hinter seinen... Werken."
"Erstaunlich...", Oma schmunzelte. In der kleinen Pause, die nun folgte gingen beide Frauen gedanklich eine Liste mit möglichen Botschaften durch, die ihnen ein Caspar Trust vermitteln könnte. Vermutlich hätten die meisten davon mit Essen, Schlafen oder dem Wert von groben Unfug zu tun. Sie verschätzten sich gewaltig.
Vom Dachboden aus ertönte ein dumpfes Rumpeln, gefolgt von einem herzhaften Fluchen. Dann brach sich eine hölzerne Lawine ihren Weg die schmale Treppe hinunter. Oma Cohen liess sich nicht aus der Ruhe bringen. "Gehört vermutlich zur Performance." ,mutmaßte sie. Sie stand auf und betrat die Küche, um den Verbandskasten zu holen, nur für alle Fälle. Mae zog den schmalen Vorhang beiseite, der das Treppenhaus von Omas Wohnbereich abtrennte und blickte auf buntes Sperrholz, das zumindest teilweise in einem Stapel ähnlich bunter Leinwände steckte. "Ähem.." ließ sich Caspar vernehmen, der am oberen Treppenabsatz stand und das Ausmaß der Verwüstungen abschätze. "Schön dich zu sehen! Das... vor dir... und links neben dir ist Prometheus. Ich habe ihn in den Kontext alter Inkalegenden..."
"Klar!", meinte Mae "Sieht man sofort!" Sie blickte auf den zylindrischen Holzgegenstand vor ihr. Er war etwas über einen Meter lang und hatte in etwa den Durchmesser einer ausgewachsenen Birke. Vermutlich war er nicht ganz leicht. Und er verfügte über eine erquickliche Anzahl an Augen, Nasen und Ohren. Wenn Gegenstände tatsächlich über eine Seele verfügten, so wäre es sicher spanend gewesen, den Absturz aus der Perspektive dieses... Was war es eigentlich genau? Ein paar Stufen über dem Chaos lag eine Art trauriger Holzadler auf der Treppe, vermutlich hatte er bemerkt, dass sich eine seiner Klauen noch am Pfahl befand.
"Eine Art Totem, richtig?", die Dinger waren zur Zeit wieder in Mode und praktisch in jeder zweiten Kunsthandlung präsentierten sie sich in esoterisch verklärter Buntheit, ohne Sinn und Verstand, vor allem aber ohne Inspiration . Und sie verkauften sich wie geschnitten Brot! "Etwas in der Art, ja.", Caspar wirkte etwas niedergeschlagen.
"Ich habe bestimmt zwei dutzend Symbole eingearbeitet..."
"Das hier ist keltisch?!?", unterbrach ihn Mae.
"Möglich...", Caspars stupste verlegen seine Brille zurück. Das altmodische Horngestell hatte er mit Maes Hilfe ausgesucht. Sie fand, er sah damit aus wie eine süße Variante von Woody Allen. Er fand sich größtenteils albern. Mae umkletterte sein jüngstes Werk wie einen gestrandeten Saurier. Halb verwundert, halb angewiedert.
"Und das hier ist ziemlich eindeutig chinesisch... Moment, ich glaube ich kenne das Zeichen sogar... Ähm."
"Ich wollte damit die Gemeinsamkeiten der alten Kulturen, vor allem in spiritueller Hinsicht..."
"Karren, Schubkarren.. Oder so ähnlich! Es heißt Karren! Zwei Semester und ich weiß es noch!", verkündetete Mae stolz und stutzte.
"Nun... Viele alte Kulturen hatten doch Schubkarren, oder?", brabbelte Caspar verzweifelt.
"Du hast einfach ein paar Bücher nach hübschen Symbolen durchstöbert, oder?"
"Hmm..."
Es folgte eine Pause peinlich berührtem Schweigens auf der einen und prakmatischem Abwägens auf der anderen Seite. "Mach noch ein paar von den Dingern!", sagte Mae bestimmt. "Aber beschränk dich bitte bei den Symbolen auf höchstens drei oder vier Kulturkreise. Ich werd sehen, wie wir die Teile an den Mann bringen." Sie schwieg kurz, während Caspar traurig die Trümmer sortierte. "Du wohnst hier doch praktisch mietfrei, oder?", fragte sie mit einem etwas merkwürdigen Unterton. "Oh nein! Nein! Er zahlt brav seine Miete... und er hilft bei den Arbeiten die bei einem so großen Haus anfallen." Oma Cohen war im Türrahmen erschienen. "Ist alles in..", ihr Blick fiel auf diverse Schleifspuren an den Wänden, "...Ordnung?"
"Jaja, Frau Cohen. Keine Sorge, das hier.. das ist.. ähm.."
"Teil des Konzepts!", teilte Mae gelassen mit. "Ein destruktiver Zufallsimpuls, der völlig neue, unerwartete Ansätze schafft. Wahnsinng schwer nachzustellen!"
Caspar nickte dankbar.
"Was auch immer! Der Flur sollte sowieso mal gestrichen werden.. Und pinseln kann er ja...", Oma grummelte ein wenig und verschwand wieder im Wohnbereich.
"Dann räumen wir das Zeug mal ins Auto, was? Und danach führst du mich doch mal durchs Haus, oder? Schon beinahe...unhöflich..., dass du mich nie hierher eingeladen hast."
"Naja.. es ist nicht unbedingt für Damenbesuch ausgelegt, um es mal so auszudrücken."
Mae seufzte, schnappte sich den leichteren Teil von Prometheus und einige Leinwände und trat damit in hinaus in die abklingende Sommerhitze. Caspar folgte ihr ächzend mit dem kryptischen Totem und stolperte beim Hinausgehen über die Fussmatte - Prometheus erfuhr einen weiteren, unerwarteten Zufallsimpuls... Der künstlerische Wert der Holzplastik stieg praktisch minütlich.
Montag, 10. Mai 2010
Was vom Abend übrig blieb...
1.Eine Zahnbürste
2.Eine Klobürste
3.Eine Haarbürste
4.Ein Frettchen
5.Eine Kerze
6.Eine Nagelbürste
7.Keine Ahnung
8.Intimlockenwickler
9.Eine willige Jungfrau
10.Einen willigen Drachen
11.Einen Verlobungsring
12.Einen Ehe-Keks
13.Ein Bitburger
14.Das Bundesministerium für Kultur und Bildung
15.Einen hohen Turm
16.Einen Trichter
17.Drei leere Flaschen Vältens Kirschbier
18.Der Orionnebel
19.Roberto Blanko
20.Alexander Markus
21.Einen Brustbeutel
22.Ein Gratisticket für eien Floßfahrt auf dem Rhein
23.Achmed the dead terrorist
24.Highheels
25.Einen USB.Stick voller Pornos
26.Eine Palette Maggie-Suppen
27.Ein Feld voller Sonnenblumen
28.Eine Sense
29.Einen Teebeutel
30.Den Pananamakanal
31.Alle Toten aus Scarface
32.Alle ermordeten schwarzen Partner von Chuck Norris
33.Eine Büste von Chuck Norris
34.Einen Hummer H3 mit Spinners
35.Eine Blendgranate
36.Das Gemächtnis von evan Stone
(Komplette Cinematographie)
37.Das Bild des Zöpfigen
38.Geflügelbutter
39.Clypher der Himmeldrache
40.Cowboystiefletten
41.Einen Beutel mit einem Kordelvorhang
(=Ein Sack voll Scheiße)
42.Einen Blowjob vom gesamten Ensemble von Riverdance
43.Die Tochter von George W. Bush
44.Eine Bretzel
45.Einen George Foreman-Staubsauger
46.Hochkonzentrierter Chlorreiniger
47.Den 777.NeweYorker-Store
48.Einen Schokohasen
49.Blut im Urin
50.Einen Chirugie-Heimlehrgang
51.Das Öl-Leck im Golf von Mexiko
52.Das Kellerverlies von Bischoff Mixxa